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Kulturergänzung

Der Triumph des serbischen Nationalismus und das Schicksal des Balkans im 20. Jahrhundert

Serbische Artillerie greift österreichisch-ungarische Truppen während der Balkankriege von 1912–1913 an

Serbische Artillerie greift österreichisch-ungarische Truppen während der Balkankriege von 1912–1913 an

Laut Holm Sundhausen erreichte die irredentistische Ideologie nach 1918 mit der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ihren Höhepunkt, begrub aber gleichzeitig das liberale Projekt des serbischen Nationalstaats. Dieses Kapitel schließt das „lange serbische 19. Jahrhundert“ mit einer kritischen Bilanz ab: Der nationale Sieg von 1918 brachte keine demokratische Emanzipation, sondern einen triumphierenden Nationalismus und einen Staat, der von historischer Mythologie überladen war – ein Erbe, das das Schicksal Serbiens und des Balkans im 20. Jahrhundert prägen sollte.

Vom „Schweinekrieg“ bis zu den Balkankriegen

In seinem Buch „Geschichte Serbiens: 19.–21. Jahrhundert“ (Böhlau Verlag, Wien 2007) analysiert Holm Sundhausen den sogenannten „Schweinekrieg“ (1906–1911) als Wendepunkt in Serbiens wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Nach der Verschlechterung der Beziehungen zu Österreich-Ungarn, das ein Embargo gegen serbische Agrarprodukte verhängt hatte, war die Regierung in Belgrad gezwungen, den Handel zu diversifizieren und neue Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland und anderen europäischen Ländern zu knüpfen. Paradoxerweise stärkte diese Isolation die lokale Wirtschaft und das Gefühl nationaler Autonomie. Die Annexion von Bosnien und Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahr 1908 löste schließlich eine Welle des Nationalismus und militärische Vorbereitungen aus, die in den Balkankriegen (1912–1913) gipfelten. Laut dem Autor markierten diese Ereignisse den Beginn des serbischen irredentistischen Triumphs, zugleich aber auch den Auftakt zu der Katastrophe, die mit dem Ersten Weltkrieg ihren Lauf nehmen sollte. In diesem Kontext ordnet Sundhausen das Attentat von Sarajevo (1914) in einen breiteren ideologischen Rahmen ein und interpretiert es nicht als individuellen Terrorakt, sondern als Folge des Klimas politischer Militarisierung und nationaler Mystik, das die serbische Gesellschaft nach 1912 tief durchdrungen hatte. Serbien wurde in seiner Analyse sowohl Opfer als auch Katalysator: Einerseits war es Zielscheibe des Habsburgerreichs, andererseits trug es durch nationalistische Netzwerke wie die „Schwarze Hand“ (Crna Ruka) zur Entstehung des Konflikts bei. Der Autor beschreibt diese Periode als Höhepunkt der irredentistischen Ideologie, die nach 1918 mit der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ihr Ziel erreichte, gleichzeitig aber das liberale Projekt des serbischen Nationalstaats begrub. Dieses Kapitel beschließt das „lange serbische Jahrhundert des 19. Jahrhunderts“ mit einer kritischen Bewertung: Der nationale Sieg von 1918 brachte keine demokratische Emanzipation, sondern einen triumphierenden Nationalismus und einen Staat, der mit historischer Mythologie überladen war – ein Erbe, das laut Sundhausen das Schicksal Serbiens und des Balkans im 20. Jahrhundert bestimmen sollte.

Drei „Stämme“ mit jeweils eigener historischer und religiöser Identität

Das Kapitel „Das kurze 20. Jahrhundert: Staats- und Nationalkrisen und Katastrophen“ analysiert die Zwischenkriegszeit, die Sundhaussen als eine Phase wiederkehrender Staats- und Nationalkrisen in der serbischen Geschichte interpretiert. Er verwendet den Begriff des „kurzen 20. Jahrhunderts“, inspiriert von Eric Hobsbawms Konzept, um den Konflikt zwischen dem jugoslawischen Ideal und der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Realität Serbiens zu erklären. Tatsächlich beschreibt der Autor das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (1918) als Produkt eines politischen und diplomatischen Kompromisses und nicht als Ergebnis eines gemeinsamen nationalen Willens. Laut Sundhaussen war das jugoslawische Projekt von Anfang an ein künstlicher Kompromiss, da es keine einheitliche jugoslawische Nation gab, sondern drei „Stämme“ (Serben, Kroaten, Slowenen), die jeweils ihre eigene historische und religiöse Identität bewahrten. Sundhausen kommt im Wesentlichen zu dem Schluss, dass das kleine Serbien in ein großes Jugoslawien umgewandelt wurde, ohne jedoch seine Staats- und Kulturstruktur zu verändern – und dabei das zentralistische und autoritäre Modell der Vorkriegszeit beibehielt. In diesem Zusammenhang thematisiert der Autor den Identitätskonflikt zwischen der Ideologie des Jugoslawismus und der serbischen Hegemonie innerhalb des neuen Staates. Er fragt kritisch: „War dies ein jugoslawischer Staatenbund oder ein vergrößertes Serbien?“

Die Prozesse der Nationalbildung verliefen seiner Ansicht nach nicht synchron: Die Serben hatten ihren nationalen Zyklus seit dem 19. Jahrhundert abgeschlossen, während sich Kroaten und Slowenen noch in der Phase des kulturellen, nicht des politischen Nationalismus befanden. Diese Asymmetrie schuf einen historischen Unterschied im nationalen Reifegrad, der zu einer Quelle ständiger politischer Spannungen wurde. Der Jugoslawismus blieb ein Mythos intellektueller Eliten und scheiterte daran, sich zu einer einigenden gesellschaftlichen Idee zu entwickeln.

Im Unterkapitel „28. Juni 1921: Nationaler Unitarismus und Staatszentralismus“ stellt Sundhaussen fest, dass die am 28. Juni 1921 verabschiedete Vidovdan-Verfassung den politischen Sieg der serbischen Eliten bei der Durchsetzung eines zentralisierten und unitarischen Staatsmodells darstellte. Das Datum der Verabschiedung war kein Zufall: Es fiel mit dem Vidovdan-Tag (der Schlacht auf dem Amselfeld) zusammen und schuf so eine bewusste mythische Verbindung zwischen der jugoslawischen Staatlichkeit und der serbischen Sakralsymbolik. Diese Verknüpfung von religiöser Symbolik und politischem Zentralismus hatte tiefgreifende Folgen für den Zusammenhalt des Staates und vertiefte die Spaltung zwischen der serbischen und der politischen Kultur der slawischen Habsburger.

 „Serbisierung des jugoslawischen Staates“

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Für Sundhausen markierte dies den Beginn der „Serbisierung des jugoslawischen Staates“ – ein Rahmen, der künftige ethnische Konflikte prägen sollte. In diesem Kapitel argumentiert er, dass der serbische Nationalismus nicht auf Jugoslawien beschränkt war, sondern im Gegenteil als Reaktion auf die Krise des Staates wiederauflebte. Das erste jugoslawische Serbien, so schreibt er, wurde zu einer „Bastion des Serbismus“, gestützt auf Armee, Kirche und Bürokratie, während es international zwischen einem Bündnis mit Frankreich und dem deutschen Einfluss schwankte und damit den Boden für die Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkriegs bereitete. Insgesamt stellt dieses Kapitel eine tiefgreifende Analyse des Scheiterns des ersten Jugoslawien als politisches und kulturelles Projekt dar. Sundhausen interpretiert dieses Scheitern nicht als unvermeidliches historisches Schicksal, sondern als Folge der vom serbischen Staat geerbten autoritären Strukturen und der fehlenden Gleichberechtigung der einzelnen Nationen des Königreichs. Er schließt seine Analyse mit der eindringlichen Aussage: „Jugoslawien wurde nicht wegen Minderheiten zerstört, sondern wegen des Missbrauchs durch die Mehrheit.“ In diesem Sinne verortet Sundhausen Serbien zwischen Hegemonie und Krise und präsentiert Jugoslawien als gescheitertes Experiment moderner Koexistenz auf dem Balkan des 20. Jahrhunderts, in dem der Staatsnationalismus über die Prinzipien des Pluralismus und der politischen Gleichheit triumphierte. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels bietet Sundhausen eine tiefgründige und kritische Beschreibung der Situation in Serbien während der deutschen Besatzungszeit. Er hebt hervor, dass Serbien im Zweiten Weltkrieg nicht nur Opfer der Besatzung war, sondern auch Schauplatz seiner eigenen historischen Spaltungen, die sich im folgenden Jahrhundert wiederholen sollten. Sein besonderes Augenmerk liegt auf den Ereignissen vom März 1941, als nach Jugoslawiens Beitritt zum Dreimächtevertrag in Belgrad ein Staatsstreich ausbrach und Massenproteste unter dem Motto „Lieber Tod als Sklaverei“ stattfanden. Diese Proteste spiegelten den starken Widerstand der Bevölkerung gegen das Bündnis mit den Achsenmächten und Serbiens Ablehnung der politischen Unterwerfung unter die Besatzer wider. In diesem Zusammenhang beschreibt Sundhausen differenziert das Kollaborationsregime von General Milan Nedić, der zwar nur über begrenzte Befugnisse verfügte, aber als administratives und polizeiliches Instrument der deutschen Besatzer fungierte. Er schildert dieses Regime als gescheitertes politisches Experiment, das durch die Vereinigung von Nationalisten, Konservativen und deutschfreundlichen Elementen gegen die Kommunisten Stabilität schaffen wollte, in Wirklichkeit aber weitere politische und moralische Spaltungen in der serbischen Gesellschaft hervorrief und die Legitimität des serbischen Staates in der Nachkriegszeit untergrub.

„Serbien ist frei von Juden.“

Sundhaussen hebt hervor, dass Nedićs Regime zwar vorgab, die Interessen der „serbischen Nation“ zu schützen, in der Praxis aber eng mit der Gestapo und der SS zusammenarbeitete und Teil des Repressionssystems wurde. Jüdische Frauen und Kinder wurden im Frühjahr 1942 im Lager Sajmište bei Belgrad interniert und durch Gaswagen ermordet. Anschließend berichtete SS-Oberführer Emanuel Schäfer in Berlin, dass „Serbien judenfrei“ sei, während der Beamte Turner erklärte, Serbien sei eines der ersten Länder Europas ohne jüdische Bevölkerung geworden. Sundhaussen beschreibt zudem die Politik der systematischen Vernichtung der Serben im Ustascha-Staat von Ante Pavelić. Er gibt an, dass über zwei Millionen Serben auf dem Gebiet dieses Staates lebten, wo die Ustascha-Zeit (1941–1945) in Kroatien zu einer Kampagne des Terrors, der Deportation und des Mordens wurde, ganze Dörfer zerstört und die berüchtigten Lager Jasenovac und Stara Gradisa errichtet wurden. Der Autor verbindet diese Gewalt mit der Ideologie der „Rassenreinheit“ und dem Erbe des kroatischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts, verstärkt durch italienische und deutsche Unterstützung. Dieses Kapitel analysiert außerdem zwei parallele Formen des serbischen Widerstands: den nationalistischen (Draža Mihailovićs Tschetniks) und den kommunistischen (die Partisanen von Josip Broz Tito). Diese beiden Formen des parallelen Widerstands sieht Sundhaussen eher als Bürgerkriege denn als Befreiungskriege, und beide Seiten verübten Terror gegen Zivilisten und politische Rivalen. Die deutsche Politik der Kollektivbestrafung (100 Serben für jeden gefallenen deutschen Soldaten) führte zu blutigen Massakern wie in Kragujevac und Kraljevo und verschärfte Hass und soziale Zerstörung. Im letzten Teil dieses Kapitels beschreibt Sundhaussen den Sieg der Partisanen und die Niederlage der Tschetniks nicht als ideologischen Triumph, sondern als Ergebnis organisatorischen Geschicks und internationaler Unterstützung.