Der Wahlkampf von Aleksandar Vučić hat sich zu einem fortwährenden politischen Spektakel entwickelt, während Serbien vor ernsten Problemen steht. Das Hauptargument dieses Wahlkampfs scheint klar: Vučić versucht, sich sowohl als „Mann des Volkes“ als auch als allmächtiger Politiker zu präsentieren, der jedes Problem lösen kann. Dabei nutzt er die Medienpräsenz, um seine Positionen zu stärken und von den realen Krisen abzulenken.
Während das Land in Aufruhr ist und die politischen Spannungen hochkochen, ist Vučić ständig im Fernsehen präsent: Er besucht Provinzen, spricht mit Bürgern, lässt sich mit Großeltern fotografieren, isst in Bäckereien, trifft Feuerwehrleute und vergleicht die Preise in Apotheken. Jeder Schritt wird von Kameras und Fotojournalisten begleitet. Er gibt sich als Präsident, der überall ist und jedes Problem persönlich lösen kann.
Deshalb wurde sein Wahlkampf mit einem „wandernden Theater des Absurden“ verglichen. „Wie ein mittelalterlicher König steht er auf dem Platz und wartet auf Gebete“, kommentieren Bürger. Andere sagen, selbst Baron Münchhausen würde sich vor ihm schämen.
Gleichzeitig bedient sich Vučić der Rhetorik von Drohungen und Krisen. Er drohte Kosovo mit der „Schließung“ des Ibri-Flusses, was in der Europäischen Union heftige Reaktionen auslöste. Ein anderes Mal sprachen serbische Behörden von einem „Feuerball“, der laut einigen Medienberichten von Kosovo in Richtung Zentralserbien „geschleudert“ worden sei. Diese Äußerungen verschärfen die angespannte Atmosphäre und verleihen dem Wahlkampf eine weitere Dimension: die Inszenierung Vučićs als Verteidiger des Staates angesichts äußerer Bedrohungen.
Doch hinter diesem ganzen Spektakel verbirgt sich ein viel wichtigeres Problem: der Machtkampf. Obwohl die Wahlen noch nicht offiziell angekündigt worden waren, erklärte Vučić am 21. August erneut, er werde sie „innerhalb weniger Tage“ bekanntgeben und nannte den 18. oder 25. Oktober als mögliche Wahltermine. Im Laufe von anderthalb Jahren hatte er mehr als 30 Mal vorgezogene Wahlen angedroht, sodass selbst diese Aussagen keine Garantie für deren Stattfinden boten.
Vučić hat zudem erklärt, er könne nach vorgezogenen Neuwahlen ins Amt des Ministerpräsidenten zurückkehren. Parlamentspräsidentin Ana Brnabić sprach unterdessen von Verfassungsänderungen. Dies hat die Kritik weiter angeheizt, dass das politische System zunehmend auf Vučić und seine Macht ausgerichtet sei.
Teil dieser Strategie ist die Anpassung der politischen Kommunikation an die Formate der sozialen Medien. Anfang August veröffentlichte Vučić ein Video seiner Morgenroutine in Kalna. Er zeigte sein Zimmer, erklärte, er habe zwei Betten zusammengeschoben, weil eines zu kurz gewesen sei, sprach über das Fehlen von Kabelfernsehen und sagte, er sei „gezwungen“, RTS zu schauen. Anschließend wurde er beim Rasieren und beim Gang zur Apotheke gefilmt, um die Preise seiner Medikamente zu überprüfen.
Der Versuch, die Kommunikation des Präsidenten in eine Art „täglichen Vlog“ zu verwandeln, scheint bei jungen Menschen nicht besonders gut anzukommen. Laut einer Umfrage von CRTA und Stanford vertrauen nur 9 Prozent der jungen Leute Vučić. Eine im August veröffentlichte Studie von KOMS ergab zudem, dass junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren ihm im Durchschnitt nur 1.15 von 5 Punkten gaben.
Seine Reise führte ihn auch außerhalb Serbiens weiter. In Ćipulić, Bosnien und Herzegowina, besuchte er das restaurierte Elternhaus und lud die Serben, Bosniaken und Kroaten der Region zu einem Plausch ein. Auf der EXPO-Baustelle versprach er derweil, sich im November in die Save zu stürzen, falls die Arbeiten nicht fristgerecht abgeschlossen würden, um so öffentlichen Druck auf Finanzminister Sinisa Mali auszuüben.
Diese Szenen, so Kritiker, seien nicht einfach spontan. Sie seien Teil einer personalisierten Kampagne, in der Vučić staatliche Ressourcen und Plattformen nutze, um sich als alleinigen Erbauer, Lenker und Retter des Landes zu präsentieren. Selbst seine Fahrten durch Vorstadtviertel, bei denen er auf Mängel hinweist, dienten dazu, dasselbe Bild zu erzeugen: den Präsidenten, der alles sieht und sich persönlich um jedes Problem kümmert.
Das Spektakel umfasst auch Treffen mit prominenten Persönlichkeiten. Das Abendessen mit Jean-Claude Van Damme endete mit einem Handschlagwettbewerb, während Vučić außerdem den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, den Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, den chinesischen Botschafter und weitere Persönlichkeiten traf. Diese Treffen verleihen der Kampagne eine mediale und persönliche Dimension.
Der größte Kontrast zeigt sich jedoch in Deliblatska Pescara. Während Vučić in den Medien ständig zu verschiedenen Themen präsent war, wütete dort bereits seit Wochen ein Feuer in einem großen Gebiet. Zehntausende Hektar standen in Flammen, und Serbien wandte sich erst wenige Tage später an die EU um Hilfe. Laut dem Autor reagierte die EU unmittelbar nach der Anfrage, während Russland, das bereits früher um Hilfe gebeten worden war, seine Flugzeuge erst nach über 20 Tagen entsandte.
Hier setzt der Autor seinen Hauptkritikpunkt an: Das Problem ist nicht nur Vučićs spektakuläre Art der Kommunikation, sondern auch die Tatsache, dass diese Kampagne von den eigentlichen Problemen des Landes ablenken könnte. Laut den im Text zitierten Daten der CRTA trat Vučić 49 Mal live im Fernsehen auf, äußerte sich aber kaum zu Deliblatska Peščara. Es gibt sogar Vermutungen, dass das Feuer in der Gegend absichtlich gelegt worden sein könnte, um die Nutzung des Geländes für Bauzwecke zu ändern, obwohl dies noch Zweifel sind.
Eine solche Personalisierung der Politik ist für Vučić nichts Neues. Schon früher versuchte er, sich als „Mann von nebenan“ zu präsentieren, beispielsweise durch die Zubereitung von Parmesanbroten. Geändert hat sich jedoch die Reaktion der Öffentlichkeit. Heute stoßen solche Aktionen zunehmend auf Kritik, Spott und unbequeme Fragen.
Dies ist womöglich das wichtigste Zeichen für Vučić: Das Spektakel, das einst dazu diente, das Bild eines volksnahen Führers zu zeichnen, stößt zunehmend auf Misstrauen. Man kann zwar immer wieder betonen, Serbien sei ein Paradies im Überfluss, man kann Brücken, Straßen, medizinische Versorgung und Renten versprechen, doch Propaganda kann die Probleme, die die Bürger täglich sehen und erleben, nicht auf Dauer verbergen.
Weil die Leute es satt haben.
(Der Autor ist Journalist und politischer Analyst)