Ein Staat lässt sich vielleicht am besten nicht an seiner Verfassung oder den Worten seiner Präsidenten vor ausländischen Botschaftern erkennen, sondern an dem Sarg, vor dem er die Flagge auf Halbmast hisst, für den er die Ehrenwache aufstellt und für den er die Gewehre in den Himmel feuern lässt. Denn die höchsten staatlichen Ehren sind nicht bloß ein Protokoll für einen Toten, sondern ein Urteil über die Werte, die die Lebenden sich selbst auferlegen. Die Ankündigung des serbischen Justizministers Nenad Vujic, dass Ratko Mladic mit den höchsten staatlichen Ehren beigesetzt wird, sagt daher weniger über Mladic selbst aus, dessen Biografie mit einem rechtskräftigen Gerichtsurteil wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen endete, als vielmehr über Serbien, das einmal mehr versucht, eine Grenze zwischen sich und seiner Vergangenheit zu ziehen, überzeugt, dass darunter weder Blut noch Massengräber noch sechzehn Jahre des Versteckens eines Mannes zu sehen sein werden, der andere in den Tod trieb, während er selbst nicht einmal den Mut zur Kapitulation besaß. Dies ist nicht nur die Beisetzung eines Verurteilten, sondern ein Ritual, mit dem das Regime versucht, das Gerichtsurteil in Ungerechtigkeit umzudeuten, den Verbrecher zum Symbol zu stilisieren und das Symbol als weitere triumphale Bestätigung dafür zu nutzen, dass Serbien stets unschuldig ist – selbst wenn es mit staatlichen Ehren genau das feiert, wovon es sich angeblich distanziert. Verfasst von: Nenad Çanak
Ratko Mladić entstammte weder einem Räuberlied noch einem Fresko, noch erhielt er seinen Rang von einem mythischen serbischen Woiwoden, wie ihn die nationalistische Ikonographie heute darstellt. Er wurde vielmehr vom sozialistischen Jugoslawien erzogen, ernährt, gekleidet und gefördert, dessen Offizier er seit 1965 war. Er war ein Produkt der Jugoslawischen Volksarmee, ihres Schulsystems, der kommunistischen Hierarchie und Ideologie – ein Mann, der seine Karriere in Skopje, Štip, Pristina und Knin aufbaute, den roten Stern trug und einen Eid auf einen Staat schwor, der auf Brüderlichkeit und Einheit beruhte. Die JNA beförderte ihn zum Oberst. Am 4. Oktober 1991 wurde er vom Präsidium der SFRJ zum Generalmajor befördert und am 24. April 1992, nur wenige Wochen zuvor, vom selben, inzwischen verkleinerten Bundesmilitärapparat zum Generalleutnant. Zuvor war er auf Vorschlag von Radovan Karadžić zum Kommandeur des Generalstabs der Armee der Republika Srpska ernannt worden. Im Juni 1994 beförderte Karadžić ihn zum Generaloberst, während sein Rang im jugoslawischen Armeesystem unter Präsident Zoran Lilic durch die Institutionen der BRDJ bestätigt wurde. Seine Schulterstücke spiegeln somit seine gesamte Laufbahn wider: Die ersten erhielt er von dem Staat, zu dessen Verschwinden er beigetragen hatte, die späteren von der politischen Führung, die durch den Krieg ein ethnisch gesäubertes Gebiet geschaffen hatte, und die letzten von Belgrad, das jegliche Beteiligung an diesem Krieg abstritt.
Der Wandel vom kommunistischen Offizier zum nationalistischen General war jedoch keine spirituelle Wandlung, sondern lediglich eine Änderung des Vokabulars innerhalb desselben autoritären Modells: Der rote Stern verschwand von der Mütze, doch der Gewaltkult, die Unfehlbarkeit des Befehlshabers, die Verachtung des Einzelnen, die Geheimhaltung des Systems und das Bedürfnis, die Welt in Gehorsame und Feinde einzuteilen, blieben bestehen. An die Stelle der Klasse trat das Volk; an die Stelle des Konterrevolutionärs der Muslim, der Kroate oder der „Verräter“; während die frühere Verteidigung des sozialistischen Staates in die Verteidigung ethnischen Territoriums umschlug, in dem der Mensch wieder nur als Material betrachtet wurde, das systematisiert, beseitigt oder vernichtet werden konnte. Der erschreckendste Beweis dafür, dass Mladic sich der Vorbereitungen nicht entgangen war, findet sich in seinen eigenen Worten vom 12. Mai 1992 vor der bosnisch-serbischen Versammlung, als er über die Idee sprach, die Bevölkerung so zu teilen, dass nur noch Serben in bestimmten Gebieten lebten: „Leute, das wäre Völkermord.“ Er kannte also dieses Wort, verstand seine Bedeutung und erkannte den Charakter des Vorhabens, woraufhin er sich bereit erklärte, dessen militärischer Arm zu werden. Unwissenheit kann mitunter moralische Schuld mindern, Täuschung eine falsche Entscheidung erklären, doch ein Mann, der das Verbrechen, das er begangen hat, benennt und ihm dann seine Autorität, seine Armee und sein Wissen widmet, kann sich auf keines von beidem berufen.
Ratko Mladićs Verurteilung beruht nicht auf einem politischen Eindruck, einem Fernsehbild oder einer feindseligen Interpretation, sondern auf 530 Verhandlungstagen, 592 Zeugenaussagen und fast zehntausend vorgelegten Beweisstücken. Das Gericht befand, dass Mladić in Potočari die Trennung bosniakischer Männer von Frauen, Kindern und Alten anordnete, dass er bei der Ausführung dieses Befehls durch seine Soldaten anwesend war und dass er Gefangenen in Nova Kasaba und Sandić versprach, sie würden verpflegt, untergebracht und ausgetauscht, obwohl dies bereits Teil des Plans zu ihrer Vernichtung war. Bei einem Treffen im Kommandozentrum in Bratunac am 13. Juli 1995, an dem er gemeinsam mit Offizieren der Armee der Republika Srpska und des Innenministeriums teilnahm, wurden die Einheiten des Innenministeriums mit einer Aufgabe betraut, die in einem offiziellen Dokument als die Tötung von etwa achttausend muslimischen Männern beschrieben wurde, die in der Nähe von Konjević Polje eingeschlossen waren. Nur zwei Tage zuvor hatte Mladic in Srebrenica erklärt, es sei an der Zeit, „Rache an den Türken zu nehmen“, als stünde er nicht Menschen des 20. Jahrhunderts gegenüber, sondern längst verstorbenen Gegnern aus der Mythologie der Aufstände. Bei Treffen im Hotel Fontana hatte er bosniakischen Vertretern gesagt, ihr Volk könne „leben oder untergehen“, oder „überleben oder sterben“. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass aus seinen Befehlen, Handlungen und Äußerungen nur die Absicht zum Völkermord gezogen werden könne, und die Berufungskammer bestätigte dieses Urteil sowie die lebenslange Haftstrafe.
In Srebrenica wurden jedoch nicht nur Menschen getötet, sondern auch die Wahrheit über ihre Ermordung verschleiert. Denn das organisierte Verbrechen endet nicht mit der letzten Kugel, sondern setzt sich mit der Kamera, der Pressemitteilung, dem Zugangsverbot und der Beseitigung der Leichen fort. Das Gerichtsurteil beschreibt, wie Mladić vor laufenden Kameras Essen und Wasser an Menschen verteilte, deren Deportation er bereits veranlasst hatte; wie einige Soldaten ihnen Schokolade und Zigaretten nur so lange gaben, wie die Kamera lief, um sie später wieder einzusammeln; und wie er anordnete, das Filmmaterial an ausländische Nachrichtenagenturen zu verkaufen. Er verhängte außerdem ein Betretungsverbot für Journalisten in den Gebieten von Srebrenica und Xhepa sowie ein Verbot, Informationen über Gefangene, Flüchtlinge und „evakuierte“ Zivilisten zu veröffentlichen. Die Leichen wurden später aus den Primärgräbern exhumiert und in Sekundärgräber umgebettet, um Spuren zu verwischen. So wurde die Kamera Teil der Bewaffnung, die Schokolade Teil der Inszenierung, während das Wort „Evakuierung“ zu einem sprachlichen Abgrund wurde, in dem die Tatsache begraben werden musste, dass Frauen und Kinder deportiert und Männer zu den Hinrichtungsstätten geschickt wurden. Mladić befahl nicht nur den Mord, sondern auch das Bild, das nach dem Mord bestehen bleiben sollte, und dies ist vielleicht die vollkommenste Form des kriminellen Bewusstseins: nicht nur zu wissen, was man tut, sondern gleichzeitig die Lüge zu konstruieren, mit der man seine Nachkommen bitten wird, einen genau dafür zu ehren.
Srebrenica war zwar keine überraschende Wendung in seiner militärischen Laufbahn, aber ihr letzter und grausamster Höhepunkt. Das Gericht befand Mladic für schuldig, eine führende Rolle in vier gemeinsamen kriminellen Unternehmungen gespielt zu haben: der Vertreibung von Bosniaken und Kroaten aus den von den bosnischen Serben beanspruchten Gebieten; der Terrorisierung der Bevölkerung Sarajevos durch Scharfschützen- und Artilleriefeuer; dem Völkermord in Srebrenica; und der Geiselnahme von UN-Personal. In Sarajevo ordnete er persönlich das Feuer an, wählte Ziele so aus, dass serbische Stadtteile verschont blieben, ordnete die Herstellung und den Einsatz modifizierter Fliegerbomben an und legte die städtischen Systeme lahm, um die Bevölkerung auf die Straße zu treiben und sie dem Scharfschützenfeuer auszusetzen. Es handelte sich hierbei nicht um die unkontrollierte Aggression einiger weniger Soldaten oder um die unglückliche Folge rechtmäßiger Kämpfe, sondern um eine Kampagne, deren Zweck darin bestand, Angst unter der Zivilbevölkerung zu verbreiten, indem humanitäre Hilfe eingeschränkt, anti-muslimische Propaganda verbreitet und eine ganze Stadt bestraft wurde, weil sie sich weigerte, nach den Vorstellungen nationalistischer Kartographen geteilt zu werden.
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Serbien kündigt an, den Verbrecher Mladic „mit hohen staatlichen und militärischen Ehren“ zu bestatten.
Und dann kommen die Dokumente, die die staatliche Lüge, Serbien habe nicht am Bosnienkrieg teilgenommen, in ein geradezu groteskes Konstrukt verwandeln, denn der Krieg wurde nicht nur mit Flaggen, sondern auch mit Gehaltslisten, Personalakten, Treibstofftanks, Munitionskisten und Generalstabssitzungen geführt. Mladićs Verurteilung bewies, dass die militärische Beteiligung der Bundesrepublik Jugoslawien in Bosnien nicht mit dem formellen Abzug der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) im Mai 1992 endete, sondern dass der Generalstab der jugoslawischen Armee das geheime Personalzentrum Nr. 30 eingerichtet hatte, über das Offiziere der Armee der Republika Srpska Gehälter, Pensionen und andere Rechte als Angehörige der jugoslawischen Armee bezogen. Es wurde auch festgestellt, dass von Mai 1992 bis April 1995 fast neunzig Prozent der von der Armee der Republika Srpska verwendeten Munition von der JNA und der jugoslawischen Armee stammten; dass Mladić die Hilfe direkt mit Života Panić und Momčilo Perišić koordinierte; Und dass ein Teil des von Serbien gelieferten Materials für Angriffe auf Zivilisten in Sarajevo verwendet worden war. Daher hätte der Krieg mit einem Munitionskonvoi, einer Soldliste und einem Beförderungsdekret die Drina überqueren können; nur durfte dies in offiziellen Mitteilungen nicht erwähnt werden.
Als Mladić am 24. Juli 1995 erstmals angeklagt wurde, verhielt er sich nicht wie ein Mann, der an seine Unschuld und die von ihm stets betonte militärische Ehre glaubte. Er versteckte sich fast sechzehn Jahre lang vor Gericht und lebte unter dem Schutz eines Netzwerks von Helfern sowie Teilen des Militär- und Sicherheitsapparats, bis er am 26. Mai 2011 im Haus eines Verwandten in Lazarevë aufgespürt wurde. Der Mann, der den Gefangenen auf dem Weg zu den Hinrichtungsstätten einen Gefangenenaustausch versprochen hatte, forderte nun alles für sich, was er ihnen verweigert hatte: Zeit, Sicherheit, medizinische Versorgung, Familie und das Recht, im Alter zu leben. Genau darin liegt der Kern seiner feigen Taten, denn seine Angst ist nicht nur die Angst vor der Kugel, sondern auch die Weigerung, sich den Konsequenzen seiner Befehle zu stellen.
Sechzehn Jahre im Untergrund waren nicht die Flucht eines Mannes vor einem internationalen Gericht, sondern die langjährige Komplizenschaft des Staates mit seiner Flucht. Mladić war also keine Nadel im Heuhaufen, die Serbien nicht finden konnte, sondern ein Mann, den der Heuhaufen aus Staatsgeheimnissen, Pensionen, Verbindungen und stillschweigendem Einverständnis nicht ans Licht bringen wollte. Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs von 2007 ist juristisch komplexer als die Parolen, mit denen die serbischen Behörden es instrumentalisieren. Der Gerichtshof stellte weder fest, dass der Völkermord in Srebrenica von Serbien durch seine Staatsorgane begangen wurde, noch dass die Aktionen der Armee der Republika Srpska nach den damals angewandten Kriterien Serbien zugerechnet werden konnten. Er stellte jedoch fest, dass Serbien seine Pflicht zur Verhinderung des Völkermords verletzt, seine Pflicht zur Bestrafung der Verantwortlichen und zur Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal – insbesondere durch die Nichtauslieferung von Ratko Mladić – nicht erfüllt und die zuvor vom Gerichtshof angeordneten einstweiligen Maßnahmen nicht umgesetzt hatte. Dies ist keine Entscheidung aus reiner Unschuld, sondern die Entscheidung eines Staates, der politischen, militärischen und finanziellen Einfluss hatte, der die Gefahr kannte und nicht das tat, wozu er verpflichtet war.
Serbiens politische Spaltung liegt daher nicht in der Entscheidung selbst, sondern in der Art und Weise, wie Belgrad sie interpretiert: Der Teil, in dem keine direkte staatliche Verantwortung festgestellt wurde, wird als befreiendes Plädoyer wiederholt, während der Teil über das Versäumnis, den Völkermord zu verhindern, das Versäumnis, die Verantwortlichen zu bestrafen, und die Vertuschung von Mladić ausgelöscht wird, als wäre er nie geschrieben worden.
Natürlich sind die Serben kein Völkermördervolk, genauso wenig wie irgendein anderes Volk, denn die strafrechtliche Verantwortung liegt beim Volk, den Befehlshabern, der politischen Führung und den Institutionen, nicht bei einem Neugeborenen, einer Sprache, einer Religion oder einer Nation. Genau deshalb war die Kampagne des Regimes seit 2024 unter dem Motto „Wir sind kein Völkermördervolk“ so heuchlerisch: Die Resolution der Vereinten Nationen zu Srebrenica erklärte die Serben nicht zu einem Völkermördervolk, sondern betonte ausdrücklich die individuelle Verantwortung und lehnte deren Zuschreibung an eine ganze ethnische oder religiöse Gemeinschaft ab. Das Regime erfand eine Kollektivanklage, um sich anschließend als kollektiver Verteidiger präsentieren zu können; es hisste Flaggen auf Plakaten und Gebäuden und instrumentalisierte die Gerichtsurteile mit dem Namen eines ganzen Volkes.
ebenfalls Der Patriarch und TeufikaNun verspricht dasselbe Regime ausgerechnet dem Mann, dessen individuelle Verantwortung für den Völkermord durch ein rechtskräftiges Gerichtsurteil bestätigt wurde, höchste staatliche Ehren und vollzieht damit selbst die Identifizierung dessen, gegen den es angeblich gekämpft hat: Es stellt den Verurteilten unter die Nationalflagge und erklärt jede Verurteilung für seine Taten zu einem Angriff auf die Flagge und das Volk. Einst benutzte Mladic UN-Mitglieder als menschliche Schutzschilde gegen Luftangriffe; heute versucht das Regime, alle Bürger Serbiens und alle Serben als moralischen Schutzschild um seinen Sarg zu positionieren.
Die Ankündigung der staatlichen Ehrenbezeugung wirft eine Frage auf, die die Regierung nur beantworten kann, indem sie eine ihrer eigenen Lügen entlarvt: Wessen General war Ratko Mladić? Wenn er ausschließlich General der Armee der Republika Srpska war, also der Streitkräfte eines anderen politischen Gebildes in einem anderen Staat, warum richtet die Republik Serbien dann die höchsten staatlichen Ehrenbezeugungen aus und auf welcher Grundlage? Wenn er jedoch auch General des jugoslawischen Armeesystems war, ein Mann, dessen Dienstgrade in Belgrad überprüft wurden, dessen Offiziere über den Generalstab der jugoslawischen Armee bezahlt wurden und dessen Armee von Serbien versorgt wurde, was bleibt dann von der Behauptung, Serbien habe nichts mit dem Krieg in Bosnien zu tun gehabt? Eine Beerdigung ist kein rechtlicher Beweis für staatliche Verantwortung und kann das Urteil des Internationalen Gerichtshofs nicht ändern, aber sie kann ein weitaus aufrichtigeres politisches Eingeständnis sein als alle offiziellen Mitteilungen, denn Staaten offenbaren sich oft am deutlichsten gerade dann, wenn sie schweigen, Wache halten und bereit sind.
Hier beginnt Serbiens moralischer Abgrund, der nicht nur aus den Lügen des Krieges besteht, sondern aus einer allgemeinen Verfälschung der Bedeutung. Korruption ist nicht einfach ein unter der Hand gereichter Umschlag, eine manipulierte Ausschreibung oder die Veruntreuung öffentlicher Gelder für eine private Villa; ihre tiefste Form zeigt sich, wenn die Worte selbst verfälscht werden, wenn Feigheit als Heldentum, Verschleierung als Opfer, Verlust als Sieg, Verbrechen als Verteidigung und Staatsschande als Nationalstolz bezeichnet wird. Der Belgrader Basar – dieser geschlossene Zirkel aus Hof, Boulevardzeitungen, Wirtschaftsmagnaten, pensionierten Generälen, akademischen Salons, religiösen Kanzeln und Parteifunktionären – hat institutionell fast alles zerstört, was in Serbien ehrlich, bürgerlich, antifaschistisch und europäisch war, und die Vergangenheit in einen Mythenspeicher, die Gegenwart in einen Marktplatz der Überzeugungen und die Zukunft in eine Schuld verwandelt, die von noch ungeborenen Generationen beglichen werden muss.
Es eignete sich das parteiische Erbe von Mladićs Vater an, um den nationalistischen Weg seines Sohnes zu verschönern, instrumentalisierte serbische Opfer, um durch sie die Opfer anderer auszulöschen, und nutzte Europa als Geldquelle, verwarf aber dessen Vorstellung von Verantwortung, Recht und Menschenwürde. So schuf es aus dem Serbien von Dosić, Dimitrije Tučović, den Antifaschisten und all jenen, die den Mut hatten, ihrem Volk die unangenehme Wahrheit zu sagen, einen Staat, in dem die profitabelste Form des Patriotismus darin besteht, „im Namen des Volkes“ zu lügen.
Kein Volk wird durch die Verbrechen seiner Einzelnen zum Völkermörder, doch ein Staat kann moralisch verkrüppelt werden, wenn er diese Individuen zu Vorbildern stilisiert, ihre Urteile zu nationalen Beleidigungen und ihre Gräber zu staatlichen Heiligtümern erhebt. Die Schuld der Vorfahren wird nicht vererbt, wohl aber die Pflicht, ihr Verbrechen nicht zu wiederholen; genauso wenig wie man die Ehre eines anderen erbt, wenn man nicht die Kraft hat, sie durch eigene Taten zu beweisen. Ratko Mladić wurde verurteilt, und das Urteil gegen ihn ist rechtskräftig; das Urteil gegen Serbien ist noch nicht rechtskräftig, denn jede Generation interpretiert es neu – im Spannungsfeld zwischen Wahrheit und tröstlichen Lügen, zwischen Mitgefühl für das Opfer und Bewunderung für den Täter, zwischen einer Zukunft, die sich erinnert, und einer Vergangenheit, die ständig neue Opfer sucht.
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Kurti: Leugnung ist ein unzureichendes Wort, Serbien hat sich zur staatlichen Verehrung des Völkermords entwickelt.
Den Toten können keine staatlichen Ehren mehr zuteilwerden, doch sie können den Lebenden das Maß für Gut und Böse abnehmen. Daher wird ein Staat letztlich nicht daran gemessen, wie er zu bestatten wusste, sondern daran, wem er sich zur Wehr gesetzt hat; und wenn er sich angesichts des Verbrechens zur Wehr setzt, erweist er nicht dem Toten Ehre – er begräbt seine eigene Zukunft.
Übersetzt von: KDP