„Die Odyssee“ ist nicht nur Nolans aufwendigster Film, sondern vielleicht auch sein stillster und melancholischster. Er führt die Atmosphäre psychologischer und zivilisierter Verzweiflung fort, die bereits seinen vorherigen, mit dem Oscar ausgezeichneten Film „Oppenheimer“ prägte. Mehr zu verraten, hieße, zu viel von der Geschichte preiszugeben. Hinter den Kulissen dieses Films werden Details über die ersten Schritte, die Technik, die Herausforderungen und sogar die Musik enthüllt, die albanische Isopolyphonie und Flötenklänge aufgreift.
Wie kann eine Geschichte, die schon tausendfach erzählt wurde, neu erzählt werden?
Als Christopher Nolan beschloss, Homers „Odyssee“ auf die Leinwand zu bringen, war er sich des sogenannten „Quellentextproblems“ vollkommen bewusst: Wenn eine Geschichte so bekannt ist und einen so großen Einfluss ausgeübt hat, kann das Original für ein modernes Publikum abgenutzt wirken oder einfach eine frühe Version der vielen Werke sein, die danach entstanden sind.
Das Epos stammt aus dem 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. und prägt die Weltkultur seit fast drei Jahrtausenden. Doch wenn es um große Studio-Blockbuster geht, herrscht laut Nolan eine auffällige Lücke.
„Das Genre der griechischen Mythologie existiert in der Filmkunst praktisch nicht“, sagt er.
Das bedeutet nicht, dass keine Anstrengungen unternommen wurden.
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„Die Odyssee“ erobert Kosovo mit rekordverdächtigen Darbietungen und einer Geschichte über albanische Klänge
„Hollywood hat unglaubliche Filme über die Antike gedreht, doch die Visualisierung der mythischen Elemente wurde Meistern wie Ray Harryhausen anvertraut“, sagt Nolan und bezieht sich damit auf den Pionier der Stop-Motion-Animation, den Schöpfer der Klassiker „Jason und die Argonauten“ (1963) und „Kampf der Titanen“ (1981). „Lange Zeit fehlten die technischen Möglichkeiten, einen Film wie diesen zu realisieren, der einer Fantasy-Geschichte dieselbe Bedeutung und Glaubwürdigkeit verleiht wie einer realistischen Erzählung.“
Seiner Ansicht nach markierten Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Filme den Moment, in dem die Fantasy ihren Platz unter den ambitionierten Superproduktionen einnahm.
„Die Technologie musste sich weiterentwickeln“, sagt Nolan. „Was ich in ‚Odyssey‘ sah, war eine Lücke, die noch nicht geschlossen war.“
Diese Diskrepanz betrifft jedoch nicht nur die visuellen Effekte, die nötig sind, um mythische Wesen wie den Zyklopen oder Skylla zum Leben zu erwecken. Nolan wollte die Zuschauer in Homers Welt eintauchen lassen und ihnen ein greifbareres, physischeres Erlebnis bieten.
Der Film beginnt mit den Worten: „Es ist eine Zeit sichtbarer Magie.“ Doch dies ist keine magische Welt im klassischen Sinne; es ist eine konkrete, greifbare und immersive Welt, in der Magie einfach als Teil der Realität existiert.
Ebenso überraschend ist die Intimität des Films. „Die Odyssee“ ist nicht nur Nolans aufwendigster Film, sondern vielleicht auch sein stillster und melancholischster. Er führt die Atmosphäre psychologischer und zivilisierter Verzweiflung fort, die bereits seinen vorherigen, oscargekrönten Film „Oppenheimer“ prägte.
Mehr zu verraten, hieße, zu viel vorwegzunehmen. Nur so viel: Wie die meisten Nolan-Filme steuert auch „Die Odyssee“ auf einen schockierenden Höhepunkt zu, der unser Verständnis von fast allem, was wir bis dahin gesehen haben, grundlegend verändert.
Eine Liebesgeschichte im mittleren Alter schreiben
Nolan erinnert sich an eine Szene aus dem Film „Oppenheimer“, die ihm im Gedächtnis geblieben ist und, wie er sagt, seine Entscheidung für „Die Odyssee“ beeinflusst hat. Es ist eine Weitwinkelaufnahme von Cillian Murphy und Emily Blunt, die auf einem Pferd über einen Bergrücken in New Mexico reiten, während sich dichte Gewitterwolken über ihnen zusammenbrauen. In IMAX wirkte die Aufnahme atemberaubend.
„IMAX kann die Kraft der Natur am besten vermitteln, sowohl durch Bild als auch Ton“, sagt Nolan. „Für mich war das der ideale Weg, das Göttliche auf eindringliche Weise darzustellen. Wenn man an Bord eines echten Schiffes geht und zur ungünstigsten Jahreszeit aufs Mittelmeer hinausfährt, wo die Wellen erbarmungslos gegen einen branden und der Regen von der Seite prasselt, dann spürt man, wie zerbrechlich diese Figuren sind, völlig ausgeliefert Kräften, die viel größer sind als sie selbst.“

Die einzige Göttin, die in Nolans Film auftaucht, ist Athene, gespielt von Zendaya, die sich nur Odysseus zeigt. Der Regisseur sagt, er habe erwogen, die Götter direkter darzustellen, diese Idee aber später verworfen.
„Für mich schuf die Darstellung der Götter als distanzierte Gestalten, die Menschen wie Schachfiguren bewegen, oder auf andere, bereits bekannte Weise, Distanz zum Publikum“, sagt er. „Es geht nicht um Realismus, sondern darum, die Götter so zu sehen, wie diese Figuren sie selbst gesehen hätten.“
Als Odysseus Athene fragt, warum die Götter nicht so sprechen, dass gewöhnliche Menschen sie verstehen können, antwortet sie: „Wer versteht denn nicht Donner oder Feuer?“
Ihre Worte klingen wie Nolans eigene künstlerische Philosophie.
Der Regisseur erinnert sich kaum an seine erste Begegnung mit der „Odyssee“. Er war erst fünf oder sechs Jahre alt, als er in der Grundschule ältere Schüler eine Bühnenadaption des Werkes aufführen sah. Bevor er mit der Arbeit an dem Film begann, schrieb er zunächst alles auf, woran er sich von der Geschichte erinnern konnte, bevor er das Gedicht erneut las. Nach dem Studium verschiedener Übersetzungen ging er an das Drehbuch genauso heran wie an „Oppenheimer“, das auf einer umfangreichen Biografie des Physikers J. Robert Oppenheimer basiert.
„Ich habe den Text völlig beiseitegelassen und versucht, nur aus den Erinnerungen und Eindrücken zu schreiben, die mir das Lesen vermittelt hatte.“
Das Ergebnis war laut seiner Aussage eine bodenständige, persönliche, aktuelle und leicht zugängliche Geschichte.
Nolan meint, es gäbe in unserer Kultur eigentlich zwei Odysseen. Die erste ist die, die den meisten Menschen bekannt ist: die jahrelange Reise des Odysseus, gespielt von Matt Damon, nach dem Ende des Trojanischen Krieges in sein Königreich Ithaka. Unterwegs begegnet er Riesen, Monstern, Stürmen, Hexen und zornigen Göttern – eine Reihe ikonischer Begegnungen, die Werke wie Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, die Coen-Brüder mit „O Brother, Where Art Thou?“ und Quentin Tarantinos „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ inspiriert haben.

Doch es gibt noch eine andere Geschichte: Was geschieht in Ithaka während Odysseus' Abwesenheit? Penelope, gespielt von Anne Hathaway, versucht, Dutzende von Freiern abzuwehren, die nach dem Thron greifen, während ihr inzwischen erwachsener Sohn Telemachus, gespielt von Tom Holland, sich auf die Suche nach der Wahrheit über das Schicksal seines Vaters macht.
„Man vergisst manchmal, dass dieser Aspekt von Telemachs Wachstum und Reife für Odysseus viel wichtiger ist, als allgemein angenommen wird“, sagt Nolan.
Sowohl er als auch seine Frau, die Produzentin Emma Thomas, empfinden diese Dimension der Geschichte als sehr eng mit sich verbunden.
„Letztendlich ist dies eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen mittleren Alters“, sagt er wehmütig. „Und nun sind Emma und ich an einem Punkt angelangt, an dem unsere Kinder aus dem Haus sind.“
Catwoman, Jason Bourne und Spider-Man in der Welt von Odysseus
Im Mittelpunkt des Films stehen die Darstellungen von Matt Damon als Odysseus und Anne Hathaway als Penelope, die seit 20 Jahren auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, ohne zu wissen, ob er noch lebt oder bereits tot ist.
Für die amerikanische Schauspielerin ist diese Rolle von ungeheurer emotionaler Intensität. Obwohl sie die Würde und Autorität einer Königin verkörpert, spricht sie oft mit leiser, fast flüsternder Stimme, um ihre wachsende Verzweiflung angesichts der Thronprätendenten, die in den Palast eingedrungen sind und entschlossen sind, ihrem Sohn den Thron zu entreißen und das Königreich an sich zu reißen, nicht zu verraten.
„Ich wusste, dass Anne die richtige Wahl für diese Rolle war“, sagt Nolan. „Penelope ist eine Königin und muss jederzeit Stärke und Autorität ausstrahlen. Gleichzeitig muss das Publikum aber auch die Person hinter dieser Fassade erkennen können. Die Darstellung musste genau dieses Gleichgewicht finden.“
Ungewöhnlicherweise vergleicht der Regisseur diese Rolle mit Hathaways Darstellung von Catwoman in seinem Film „The Dark Knight Rises“, ihrer ersten Zusammenarbeit. „Auf den ersten Blick haben Catwoman und Penelope fast nichts gemeinsam. Doch beide sind ikonische, überlebensgroße Figuren, und die Herausforderung besteht darin, dieses Image zu durchbrechen.“
Telemachus wird ebenfalls von einem Schauspieler verkörpert, der für seine Rollen in Superheldenfilmen bekannt ist. Nolan bewunderte schon lange Tom Hollands Darstellung von Peter Parker in den Marvel-Filmen.
„Er hat die Fähigkeit, das Publikum auf äußerst natürliche und fesselnde Weise in das Dilemma der Figur, in deren Denk- und Gefühlswelt einzubeziehen.“
Laut Nolan brachte Holland – mittlerweile 30 Jahre alt, wird aber immer noch oft in deutlich jüngeren Rollen besetzt – die ideale Kombination aus Unschuld und Reife mit, die für die Geschichte von Telemachus erforderlich ist, der sich im Laufe des Films vom Jungen zum Mann wandelt.
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich getan hätte, wenn er nicht Teil des Films hätte sein können“, erklärt Nolan.
Das Vertrauen beruhte auf Gegenseitigkeit. Um an „The Odyssey“ teilnehmen zu können, gelang es Holland sogar, die Produzenten des Films „Spider-Man: Brand New Day“ davon zu überzeugen, den Drehbeginn zu verschieben, damit er sich Nolans Projekt anschließen konnte.
Die größte Rolle ging natürlich an Matt Damon. Obwohl er bereits in zwei Filmen des legendären Regisseurs mitgewirkt hatte, war dies das erste Mal, dass er die Hauptrolle übernahm.
„Odysseus hat die Eigenschaften einer Nebenfigur, nicht die eines klassischen Protagonisten“, erklärt Nolan. „Wäre er Teil des ‚Star Wars‘-Universums, wäre er Han Solo, nicht Luke Skywalker. Das Adjektiv, mit dem er gemeinhin beschrieben wird, ist ‚Dynamo‘.“
Odysseus musste jedoch auch beim Publikum Empathie wecken. „Eine von Matts größten Stärken ist, dass er auf der Leinwand das Gefühl vermittelt, ein gewöhnlicher, vernünftiger Mann zu sein.“
Verschiedene Regisseure haben dieses Merkmal genutzt oder bewusst unterlaufen. Nolan selbst tat dies bereits im Film „Interstellar“, in dem Damon einen Wissenschaftler spielte, der zunächst dankbar erscheint, dann aber die Hauptmission verrät.
„Matt ist unglaublich gut darin, den Durchschnittstypen zu spielen, egal ob in ‚Der Marsianer‘ oder ‚Wir kaufen einen Zoo‘. Aber er ist auch Jason Bourne. Und Odysseus muss beides gleichzeitig sein: ein Mann, mit dem sich das Publikum identifizieren kann, und gleichzeitig ein legendärer Held.“
Damon hatte fast sechs Monate Zeit, sich physisch und psychisch auf die Rolle vorzubereiten, die fast zwei Jahrzehnte aus dem Leben des Odysseus umfasst und zahlreiche Szenen beinhaltet, in denen er und seine Männer mitten auf dem Meer gegen den Hunger ankämpfen.
„Nolan wollte, dass ich schwach, aber stark aussehe; wie ein kampferprobter Krieger, der niemals eine Mahlzeit ablehnen würde, wenn sich ihm die Gelegenheit böte“, sagt er.
Dies half dem Schauspieler, während der gesamten Dreharbeiten eine gleichbleibende körperliche Verfassung beizubehalten.
„Früher habe ich immer gefragt: ‚An welchem Drehtag soll ich mein Hemd ausziehen?‘ Dann habe ich für diesen Moment trainiert. Aber in diesem Fall wollte ich einfach, dass es immer gleich aussieht. Es sollte wie mein Körper aussehen“, sagt der Schauspieler.
Ähnlich wie bei „Oppenheimer“, wo eine große Anzahl bekannter Schauspieler Nebenrollen übernahm, setzt auch „Die Odyssee“ auf eine beeindruckende Besetzung bekannter Namen, selbst wenn deren Auftritte auf der Leinwand nur kurz sind.
Lupita Nyong'o spielt sowohl Helena von Troja als auch deren Zwillingsschwester Klytaimnestra. Laut ihr beschrieb Nolan die Rolle als „kurz in der Dauer, aber groß in der Wirkung“.
Weder Helena noch Klytaimnestra sind lange auf der Leinwand zu sehen – letztere erscheint nur in wenigen Fragmenten –, doch beide hinterlassen einen starken Eindruck. Die Entscheidung, sie als Zwillingsschwestern und nicht, wie traditionell dargestellt, als Halbschwestern zu zeigen, schafft eine tiefere emotionale Bindung zwischen ihnen.
„Ich glaube nicht, dass es nur eine dramatische Interpretationsmöglichkeit für diese Rolle gibt“, sagt Nyong'o. „Wer ist Helena jenseits ihrer Schönheit? Eine Frau ist so viel mehr als ihr Aussehen, und Schönheit an sich ist schwer zu interpretieren.“
Die Schauspielerin sagt, dass die Entwicklung der Charaktere ein sehr gemeinschaftlicher Prozess war, bei dem sie eng mit den Teams für Make-up, Haare und vor allem Kostümdesign zusammengearbeitet hat.
„Wir präsentieren eine historische Epoche, für die es nur sehr wenige visuelle Referenzen gibt, und gleichzeitig nehmen wir uns einige künstlerische Freiheiten heraus. Chris war meinen Ideen, wie Helena und Klytaimnestra aussehen sollten, sehr aufgeschlossen.“
Auch einige andere Figuren wurden im Vergleich zum Originalgedicht deutlich erweitert.
„Eine der interessantesten Lücken im Epos ist die Beziehung zwischen Odysseus und seinen Männern“, sagt Nolan. „Man liest von tragischen Ereignissen, die diesen Kriegern widerfahren, aber sie selbst entwickeln sich nicht als Charaktere.“
Um diese Lücke zu füllen, räumte der Regisseur Eurylochos (gespielt von Himesh Patel), Odysseus’ Stellvertreter, mehr Bedeutung ein. In Homers Epos ist er eine relativ eindimensionale Figur, während er im Film zu einem wichtigen Gesprächspartner wird, einem Freund, mit dem Odysseus seine Entscheidungen und Dilemmata bespricht. Nolan führte außerdem Charaktere in den Film ein, die in der Geschichte gar nicht vorkommen.
Zu Beginn des Films, während der Episode um das Trojanische Pferd, erscheint Sinon (dargestellt von Elliot Page), ein junger griechischer Soldat, der nicht Teil von Homers Gedicht ist, aber in Vergils Aeneis auftaucht.
Auch hier war das Ziel dasselbe: einem der bekanntesten Bilder der Antike ein menschliches Gesicht zu geben.
„Ich wusste, dass ich den Film mit einer Gruppe Trojaner eröffnen wollte, die das Trojanische Pferd entdecken, und es schien mir sehr wichtig, dass der zurückgelassene Soldat ihnen erklärt, dass es ein Geschenk an Athen war“, sagt Nolan.
Sinons Geschichte wird im Film mehrmals aufgegriffen und verdeutlicht das wahre Ausmaß des Trojanischen Krieges. Als er sich Odysseus' Heer anschließt, ist er noch ein Kind.
„Das wirft auch eine ethische Frage auf. Wenn ein Krieg zehn Jahre dauert, nimmt man im Grunde Kinder mit, die zu Soldaten heranwachsen“, erklärt Nolan.

Erschaffung eines außergewöhnlichen und teils mediterranen Universums
Produktionsdesignerin Ruth De Jong erinnert sich an ihr erstes Treffen mit Christopher Nolan bezüglich dieses Projekts. Der Regisseur breitete das Drehbuch vor ihr aus.
„Auf dem Cover stand ‚Die Odyssee‘. Ich dachte mir: ‚Nein, nicht Homer.‘ In diesem Moment brach Chris in schallendes Gelächter aus.“
Nach dem Film „Oppenheimer“, für den De Jong für einen Oscar nominiert war, empfand sie es als eines der größten Projekte ihrer Karriere. Der Film wurde in zwei Ländern gedreht und erforderte unter anderem die Rekonstruktion der Anfänge von Los Alamos in New Mexico.
Aber „Die Odyssee“ wäre etwas völlig anderes.
„Lass uns die ganze Welt sehen“, sagte Nolan zu ihm, als sie anfingen, über mögliche Drehorte zu sprechen.
Bei ihren Forschungen zur Bronzezeit wurde dem Team bewusst, wie wenig wir eigentlich über diese Epoche wissen.
„Den Leuten ist nicht bewusst, wie fragmentiert die archäologische Dokumentation ist“, sagt Nolan.
Aus diesem Grund wollte er sich nicht auf traditionelle Darstellungen dieser Epoche stützen, wie sie etwa in der romantischen Malerei oder in klassischen Hollywood-Filmen zu finden sind, welche seit Jahrzehnten unsere Vorstellung von der Antike geprägt haben.
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Kostümbildnerin Ellen Mirojnick fasst die kreative Philosophie des Films ebenfalls so zusammen: „Wir wollten keine historisch akkurate Welt erschaffen. Wir wollten eine Welt, die sich zeitlos anfühlt.“
Aus diesem Grund wollte De Jong nicht, dass sich der Film auf die mediterrane Landschaft beschränkt.
„Das Mittelmeer hat eine ganz bestimmte Farbpalette, trocken und warm. Wenn wir uns nur darauf beschränkt hätten, hätte der ganze Film den gleichen Look. Wir wollten eine Reise. Wir wollten unterschiedliches Wetter, unterschiedliche Naturelemente, Texturen, Flora und Fauna aus verschiedenen Orten.“
Letztendlich fanden die Dreharbeiten in sechs Ländern statt: Marokko, Italien, Griechenland, Schottland, den Vereinigten Staaten und Island.
Eine der größten Herausforderungen war die Suche nach Odysseus' Schiff. Die Produktion entschied sich für die Draken, ein 35 Meter langes Schiff, das im norwegischen Stavanger vor Anker lag und mit geringem Aufwand in ein Kriegsschiff umgebaut werden konnte.
„Als wir an Bord waren und die Größe des Schiffes spürten, wurde uns klar, dass wir problemlos mit 50 bis 100 Personen an Bord mitten auf dem Meer drehen konnten“, erinnert sich De Jong.
Das Schiff – das den Atlantik bereits zweimal überquert hatte – reiste mit seiner Besatzung an. Auch diese trug die Kostüme des Films und trainierte die Schauspieler, das Schiff authentisch zu navigieren, manchmal stundenlang. Die Schauspieler lernten außerdem, die Segel zu setzen und die üblichen Seemannsarbeiten zu verrichten. Dies ermöglichte es Nolan und Kameramann Hoyte van Hoytema, sie wie bei einem Dokumentarfilm zu filmen.
„Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich verstanden haben, was sie da filmten“, sagt Nolan mit einem Lächeln. „Aber wir hatten eine fantastische Gruppe von Schauspielern, von denen einige nur ein oder zwei Stunts hatten.“
Auch nach der Landung waren die Herausforderungen noch nicht vorbei. De Jong erinnert sich, dass für die Szenen mit dem treuen Schweinehirten Eumeus (gespielt von John Leguizamo) lebende Schweine per Hubschrauber zur Insel Favignana nahe Sizilien transportiert werden mussten. Dort wurden die meisten Außenszenen von Ithaka gedreht. Mit ihren majestätischen Klippen und dem endlosen Meerblick war die Insel atemberaubend, doch jeden Tag mussten Cast und Crew etwa eine Stunde lang über schmale Bergpfade wandern, um zum Set zu gelangen.
„Aber es hat sich jede Minute gelohnt. Ich war vor etwa zehn oder fünfzehn Jahren im Urlaub schon einmal dort. Der Ort hat eine ganz besondere Wärme. Man fühlt sich sofort wie zu Hause. Es ist ein Ort, den man nie wieder verlassen möchte. Wenn Odysseus so hart kämpft, um hierher zurückzukehren, dann sollte das Publikum verstehen, warum ihm dieser Ort so viel bedeutet“, sagt De Jong.

Eine der Methoden, mit denen Nolan die visuelle Welt des Films bereichern wollte, liegt in der Darstellung der Laistrygonen. In Homers Epos sind sie kannibalische Riesen. Im Film hingegen erscheinen sie als riesige Ritter, von Kopf bis Fuß in mittelalterliche Rüstungen gehüllt. Diese Szene folgt unmittelbar auf Odysseus' Konfrontation mit dem Zyklopen, und Nolan wollte vermeiden, das Publikum nacheinander mit zwei sehr ähnlichen Riesenwesen zu konfrontieren.
„Ich wollte das Gefühl erzeugen, dass er in eine völlig andere, fremde und unbekannte Kultur eintaucht. Die Kostüme zeugen von einer völlig anderen Technologie als der, die Odysseus bis dahin kannte. Sie sind in jeder Hinsicht imposant.“
Für diese Sequenz suchte das Filmteam nach einem Ort, an dem die Kiefernwälder sanft zum Meer abfielen. In Schottland fanden sie den idealen Drehort. Anschließend reisten sie weiter nach Norden zu den schwarzen Vulkanstränden Islands, um Szenen zu drehen, die in der Unterwelt spielen. Dort begegnet Odysseus den Schatten der Toten, die langsam aus dem Sand aufsteigen.
Für Ellen Mirojnick war dies an sich schon eine Herausforderung. Sie musste die Schauspieler so einkleiden, dass sie aussahen, als würden sie direkt aus der Erde materialisieren.
„Welche Farbe hat der Sand? Er sollte schwarz sein, aber wenn er trocknet, wird er grau. Wenn er wieder nass wird, ändert er erneut seine Farbe. Nichts davon konnte in der Vorproduktionsphase festgestellt werden.“
Für ihn verkörpert dies die gesamte visuelle Philosophie des Films. „Es war ein Film, der vor Ort erlebt werden musste, nicht aus der Ferne projiziert werden konnte.“
Selbst die fantastischsten Elemente haben einen historischen Hintergrund. Ein Beispiel dafür ist die Rüstung des Agamemnon, gespielt von Benny Safdie, der im Film fast wie ein Batman aus einem Paralleluniversum wirkt. Als Oberbefehlshaber des griechischen Heeres erscheint Agamemnon als imposante, beinahe teuflische Gestalt.
„Man muss diese Technik noch genauer archäologisch untersuchen“, sagt Nolan, „aber wenn man Bronze Gold und Silber hinzufügt und dann Schwefel verwendet, kann man sie schwärzen. Mit der Zeit würde die Bronze wieder an die Oberfläche kommen, aber Agamemnons Rüstung würde fast keine Gebrauchsspuren aufweisen, da er ja nicht ständig kämpft.“
Tatsächlich glänzt Agamemnon in allen Szenen der Schlacht um Troja als eine fast übernatürliche Präsenz, während die Krieger – einschließlich Odysseus – dem Weg folgen, den er ihnen weist.
Das Übernatürliche im Wind und im Meer finden
Obwohl Christopher Nolan einige der größten Produktionen der letzten Jahrzehnte realisiert hat, ist „Die Odyssee“ der erste Film, in dem er sich direkt mit übernatürlichen Elementen auseinandersetzt. Bereits in der ersten Vorbereitungsphase wurde das Drehbuch dem Team für Spezialeffekte übergeben.
„Wenn man ein Drehbuch von Chris liest, ist die Vorbereitung völlig anders als bei jedem anderen Film“, sagt Spezialeffekt-Supervisor Scott R. Fisher.
„Bei den meisten Filmen denkt man sofort: ‚Das wird computergeneriert sein.‘ Bei Chris wissen wir, dass er zuerst nach einer realen Lösung sucht. Er will etwas, das physisch vor der Kamera existiert, und darauf können dann die digitalen Effekte aufgebaut werden.“
Aus diesem Grund arbeitete Fisher eng mit dem Leiter der visuellen Effekte, Andrew Jackson, zusammen. Um Cyclops, gespielt von Schauspieler Bill Irwin, zu erschaffen, nutzte das Team Puppen verschiedener Größen, Animatronik und Computergrafiken. Jedes Element basierte jedoch auf Irwins tatsächlicher Darstellung und seinen Bewegungen.
Obwohl die Figur nur in einer Szene auftaucht, war der Schauspieler während des gesamten Entstehungsprozesses anwesend. Das Ergebnis war nicht nur eine überzeugende, sondern auch eine überraschend menschliche und berührende Kreatur, die dem menschlichen Ton des Films entspricht. Um den Strudel der Charybdis zu erschaffen, aus dem Odysseus seine Männer retten muss, ließ sich das Team von der Wasserverdrängung großer Schiffe beim Auslaufen aus Häfen inspirieren.
Mit leistungsstarken Motorbooten erzeugten sie große Wellenkreise und Turbulenzen, die den Rändern eines riesigen Strudels ähnelten.
„Das war eine typische Christopher-Nolan-Lösung“, sagt Andrew Jackson. „Sobald wir die Schnellboote aus dem Bild entfernt hatten, war der Effekt bereits da, realistisch gefilmt, und die Schauspieler hatten etwas Konkretes, auf das sie reagieren konnten.“
Lediglich das Zentrum des Wirbels wurde mithilfe von Computereffekten erzeugt. In manchen Fällen war die Natur selbst der wichtigste Verbündete des Teams.
„Bei einem echten Sturm kann man nicht rausgehen, um zu schießen. Aber man kann rausgehen, wenn sich der Sturm nähert“, sagt Fisher.
Das Team hatte mit starken Winden zu kämpfen, während Feuerlöschboote das Hauptschiff mit großen Wassermengen bespritzten, um den Effekt von Riesenwellen zu erzeugen.
„Mit den Naturgewalten zu arbeiten, ist unglaublich herausfordernd“, sagt Nolan. „Es gab enorme logistische Herausforderungen. Alles wurde sicher durchgeführt, mit Unterstützungsschiffen in der Nähe, aber einige der Tage auf See, in den starken Wellen, gehörten zu den schwierigsten für das gesamte Team.“
Denn seiner Ansicht nach würden sie, wenn sie mitten im Sommer bei ruhiger See und klarem Himmel drehen würden, das verlieren, was der Film am meisten brauche: „Das Drama. Die Präsenz des Poseidon. Und das Gefühl, dass Odysseus' Mannschaft ständig bedroht wird.“
Die riesige IMAX-Kamera startet mit einem ohrenbetäubenden Geräusch.
In seinen jüngsten Filmen hat sich Christopher Nolan als einer der Pioniere im Einsatz von IMAX-Kameras etabliert. „Die Odyssee“ ist jedoch sein erster Film, der vollständig in diesem Format gedreht wurde. Bislang hatte der Einsatz von IMAX-Kameras einen großen Nachteil: das Bildrauschen.
Da diese Kameras große Filmrollen mit sehr hohen Geschwindigkeiten belichten, erzeugen sie ein konstantes Brummen. Kameramann Hoyte van Hoytema beschreibt es so: Sie klingen „wie ein kleiner Dieselmotor“.
Seit Jahren werden Anstrengungen unternommen, um Geräusche in diesen Kameras zu isolieren, indem man sie in spezielle akustische Gehäuse, sogenannte „Blimps“, einhüllt.
„Für den Film ‚Tenet‘ haben wir ein komplettes Isolationssystem gebaut“, erinnert sich Van Hoytema. „Erst als wir es ausprobierten, stellten wir fest, dass es den Lärm nicht ausreichend eliminierte.“
Für „Die Odyssee“ beschlossen er und die IMAX-Ingenieure, einen völlig anderen Ansatz zu verfolgen. Anstatt eine benutzerfreundliche und praktische Kamera zu entwickeln, bauten sie, was Van Hoytema als „eine riesige, unglaublich unhandliche Kiste“ bezeichnet. Im Inneren platzierten sie abwechselnde Schichten aus sehr weichen und sehr harten Materialien, sorgfältig angeordnet, um möglichst viel Lärm zu absorbieren. Erst nachdem sie dieses Problem gelöst hatten, begannen sie, sich mit den praktischen Details zu befassen.
Letztendlich kamen bei der Produktion mehrere Versionen von IMAX-Kameras zum Einsatz.
Für dynamische Szenen kamen auch nicht schalldichte Kameras zum Einsatz, die sowohl handgeführt als auch in Szenen ohne Dialogaufnahmen verwendet werden konnten. Die neue, gigantische und extrem schwere Kamera veränderte jedoch die Arbeitsweise des gesamten Teams.
„Sobald wir es ans Set brachten, merkten wir, dass man drei oder vier Leute brauchte, nur um es festzuhalten“, sagt Van Hoytema.
Selbst einfache Auf- und Abwärts- oder Seitwärtsbewegungen erforderten mehrere Kameraassistenten, um die Ausrüstung vor dem Herunterfallen zu bewahren. Die Kamera besaß sogar ungewöhnliche Metallhaken. Der Grund dafür war: „In manchen Fällen mussten wir sie per Hubschrauber hochheben und hängend über die Berge zum Drehort transportieren.“
Die Größe der Kamera schuf ein weiteres Problem. In Dialogszenen konnten sich die Schauspieler bei Nahaufnahmen oft nicht sehen, da die Kamera den gesamten Raum zwischen ihnen einnahm. Um dies zu lösen, entwickelte Nolan ein Spiegelsystem. Der gefilmte Schauspieler konnte seinen Spielpartner im Spiegel sehen und gleichzeitig den Blickkontakt halten.
Matt Damon sagt, der Effekt sei überraschend gewesen.
„Da geschah etwas sehr Seltsames mit meinem Gehirn. Wenn Anne Hathaway neben der Kamera saß, in einen Spiegel schaute, der sich in einem anderen nahe der Linse spiegelte, und ich sie atmen und sprechen hörte, hatte ich das Gefühl, sie stünde direkt vor mir. Selbst heute noch, wenn ich mich an diese Szenen erinnere, fühlt es sich an, als würde ich ihr direkt in die Augen schauen. In Wirklichkeit schaute ich nur in einen Spiegel.“
Albanien im Soundtrack von „Die Odyssee“
Christopher Nolan ist nicht für minimalistische Soundtracks bekannt. Im Gegenteil, seine Filme sind berühmt für ihren intensiven Einsatz von Musik, so sehr, dass in Filmen wie „Dunkirk“ oder „Oppenheimer“ die Momente, in denen die Musik aufhört, dem Publikum sofort auffallen.
Auf den ersten Blick mag es so wirken, als gäbe es in „Die Odyssee“ weniger Musik. Komponist Ludwig Göransson sagt, das sei nur ein Eindruck. Tatsächlich sei die Musik immer präsent, nur anders gestaltet.
Um der physischen und elementaren Welt des Films gerecht zu werden, wünschte sich Nolan einen Soundtrack, der aus der Bronzezeit selbst zu stammen schien, fernab der pompösen Orchesterarrangements, die historische Filme üblicherweise begleiten.
„Ich drehe keinen Hollywoodfilm der 50er-Jahre“, erinnert sich Nolan an sein Gespräch mit Göransson. „Wenn wir dieser Tradition nicht folgen, macht es keinen Sinn, auf ein klassisches Orchester zurückzugreifen. Die Frage war also: Was können wir stattdessen schaffen?“
Nolan stellte sich beispielsweise ein Alarmsystem für Troja vor, bei dem die Bürger mit großen Metallplatten aufeinander schlugen, wobei der Lärm immer lauter wurde, je näher die griechische Armee kam.
Dieser Klang wurde zu einem musikalischen Motiv, das im gesamten Film immer wiederkehrt.
„Die Kakophonie dieser Geräusche verwandelt sich allmählich in ein musikalisches Thema, das wie eine Klage klingt“, erklärt Göransson.
In ähnlicher Weise nutzte er die Leier, um den charakteristischen Klang des gespannten Bogens zu erzeugen.
Dieses Motiv wird stets mit Odysseus, dem Meister von Pfeil und Bogen, in Verbindung gebracht. Wie die metallischen Klänge Trojas oszillieren die seltenen Töne der Leier ständig zwischen Musik und Umgebungsgeräuschen, sodass es oft schwerfällt, die Grenzen zwischen beiden zu erkennen.
Für Göransson war es wichtig, dass jedes Instrument auf die authentische Weise gespielt wurde, so wie es in der Antike üblich war.
„Wenn die Leute meinen, eine Leier zu hören, hören sie in Wirklichkeit meist eine Harfe. Ich wollte Musiker finden, die das Instrument so spielen, wie es einst gespielt wurde: mit einem Plektrum in der rechten Hand und den Fingern der linken Hand auf den Saiten.“
Er entdeckte auch einen Musiker, der Aulos spielte, ein zweiblättriges Rohrblattinstrument, das der Oboe ähnelt und in der Antike jahrhundertelang sehr verbreitet war, später aber verschwand.
Seine Forschungen führten ihn auch nach Südalbanien. Dort zeichnete er einen alten Gesangsstil namens albanische Isopolyphonie auf, eine jahrhundertealte Tradition des polyphonen Gesangs, die er eigenen Angaben zufolge zuvor noch nie in einem Film gehört hatte.
In Albanien zeichnete er auch die Klänge der Flöten auf, die albanische Hirten seit Jahrtausenden benutzen.
„Wir mussten die Aufnahmen bis 18 Uhr abschließen, weil sie um 4 Uhr morgens aufwachten, um sich um die Herde zu kümmern.“
Letztlich entsteht ein Großteil der Musik für die Odyssee ganz natürlich aus den Klängen der Welt selbst. Wind, Wasser, Metall, antike Instrumente und menschliche Stimmen verschmelzen allmählich zu Musik.
„Es vermittelt einem das Gefühl des Windes“, sagt Göransson. „Es vermittelt einem das Gefühl der Natur selbst.“
Und vielleicht ist das die beste Beschreibung nicht nur für den Soundtrack, sondern auch für den Film selbst.
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Entnommen aus „New York Magazine“ und „Vulture“. Der Titel stammt vom Herausgeber. Übersetzung: Edona Binaku