In der Sackgasse, in der sich Kosovo hinsichtlich der Wahl des nächsten Präsidenten befindet, stellt sich mir als soziologischer Beobachter die Frage, wie vorteilhaft es für die Interessen des Staates und der Nation im Allgemeinen wäre, wenn ein bewährter und erfahrener, unpolitischer Richter zum Präsidenten gewählt werden könnte.
Ich stelle diese Frage, weil in der seit fast zwei Jahren herrschenden starken politischen Polarisierung die Wahl eines Präsidenten mit nachgewiesener juristischer Kompetenz und politischer Unabhängigkeit unter anderem dazu beitragen könnte, das Vertrauen in die Institutionen zu stärken, die Verfassungskultur zu festigen und den Eindruck einer parteipolitischen Einflussnahme auf den Staat zu verringern. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass eine zwar nicht ideale, aber dennoch realistische Lösung darin bestünde, dieses Amt mit einer Persönlichkeit aus dem Bereich der Justiz zu besetzen. Ich meine damit einen Richter oder eine Richterin, der/die über ein entsprechendes moralisch-politisches Kapital verfügt.
Wenn wir nun einige soziologische Eigenschaften oder Parameter auflisten, und zweifellos auch einige rechtliche, warum nicht auch moralische und meritokratische, für einen unpolitischen und bewährten Richtertypus unter den kosovarischen Umständen, so würde ich meiner Meinung nach unter anderem Folgendes hervorheben:
Erstens das soziologische Kriterium der politischen Neutralität. Ich denke, unter unseren Umständen gibt es Individuen, die aufgrund ihrer beruflichen Laufbahn und Erfahrung, aber auch ihrer Gleichgültigkeit gegenüber aktuellen politischen Themen, in den letzten zwei Jahrzehnten eine beträchtliche Distanz zu den politischen Prozessen und Entwicklungen des Landes gewahrt haben. Dieses Kriterium ist eng mit moralischer Integrität verknüpft, denn Kosovo ist klein und gleicht daher einem sozialen Dschungel, in dem wir den Ruf und die berufliche Ethik der anderen, die durch rechtliche Mechanismen geschützt und gefiltert werden, nicht ausreichend anerkennen.
Zweitens ist das Kriterium bzw. der Parameter, der meiner Ansicht nach für das Amt des Präsidenten von großer Bedeutung ist, die professionelle Legitimität. Hierbei verstehen und bewerten wir sowohl die im Laufe seiner/ihrer Karriere getroffenen Entscheidungen, die sich zwangsläufig an dem Gesetz und nicht an den Interessen bestimmter Parteigruppen und Clans orientieren müssen, als auch die Autorität und Professionalität, sei es in Führungspositionen oder bei der aktiven Mitwirkung am Staatsbildungsprozess der Republik.
Drittens denke ich an ein ebenso stichhaltiges und wichtiges Kriterium, das angesichts der Umstände der Entstehung des Staates Kosovo großes Gewicht hat und daher hervorgehoben werden muss. Es geht um die Fähigkeit, Druck zu widerstehen – sei er parteipolitischer, ideologischer oder von mächtigen Clans, die nach dem Krieg an Stärke gewannen, sowie von Interessengruppen und internationalen Einflüssen –, wenn dieser mit der verfassungsmäßigen Ordnung der Republik in Konflikt gerät.
ebenfalls Null Vertrauen, null Kompromisse: Die Krise, die Kosovos Demokratie zerstörtNeben diesen und weiteren Kriterien, die die Eignung des zukünftigen Präsidenten auszeichnen sollten, halte ich es für sinnvoll, zusätzliche Unterkriterien festzulegen, die seine/ihre zukünftige Rolle zweifellos bereichern würden. Zu diesen Unterkriterien zähle ich ein gewisses Maß an öffentlichem Vertrauen, damit die Person mit juristischem Hintergrund und entsprechendem Charakter tatsächlich ideologische und parteipolitische Neutralität vertritt und nicht die Interessen irgendeines politischen oder oligarchischen Lagers.
Ich bin außerdem der Ansicht, dass in diesem Schema von „Subkriterien“ neben der Fähigkeit auch die Sorgfalt berücksichtigt werden sollte, damit der Präsident/die Präsidentin angemessen kommuniziert, also mit der Öffentlichkeit und den politischen Akteuren durch juristische Entscheidungen und Argumente spricht und dabei politische Rhetorik vermeidet. Ein solcher Kandidat/eine solche Kandidatin würde meiner soziologischen Einschätzung nach auch das Subkriterium bzw. die für die Staatsführung der Republik notwendige Eigenschaft erfüllen, nämlich die Fähigkeit, bei den politischen Akteuren keine Zweifel an seinen/ihren Entscheidungen hervorzurufen.
Wir könnten also weitere Kriterien, Prinzipien und „Unterkriterien“ für die Wahl eines Präsidenten aus Konsensgründen auflisten, was den Diskurs um die Besetzung dieses – meiner Meinung nach immer noch formalen – Amtes gewissermaßen verschärfen würde. Ich hoffe jedoch, dass in absehbarer Zeit mit einer umfassenden Wahlreform die Rolle des Präsidenten gestärkt und ihm zusätzliche Befugnisse verliehen werden, sodass er direkt durch die Bürgerwahl und nicht durch Parteikompromisse (sprich: „Absprachen“) gewählt wird. Denn genau dies würde die Figur dieses Amtes nicht nur akzeptabler machen, sondern auch zu einem einigenden Faktor in der Zeit, in der der lange Übergang enden sollte.