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Säulen

Ein Politiker, ein (erfahrener) Diplomat und ein Job in New York

Auf ein deutsches Publikum, das gut erklärt, wie Politik funktioniert. Manchmal sogar mit nicht so aromatischen Kompromissen

Die scheidende deutsche Regierung hat Außenministerin Annalena Baerbock zur Präsidentin der UN-Generalversammlung nominiert. Gute Nachrichten für Frau Baerbock. Da sie und ihre Grünen nicht Teil der nächsten deutschen Regierung sein werden, könnte Baerbock einen prominenten Posten in New York übernehmen. 

Doch diese Ernennung hat in Deutschland heftige Kontroversen ausgelöst. Bereits im Juli vergangenen Jahres hatte die Bundesregierung die erfahrene Diplomatin Helga Schmid als Kandidatin für das Amt der Präsidentin der UN-Generalversammlung aufgestellt. Frau Schmid, die seit 35 Jahren in der deutschen Diplomatie tätig ist, begann mit den Vorbereitungen für ihre neue Position bei den Vereinten Nationen. Schmid verfügt über diplomatische Erfahrung in Berlin, Brüssel und Teheran. Sie arbeitete im Team von Außenminister Klaus Kinkel und Bundeskanzler Helmut Kohl. Anschließend war sie Kanzlerin von Außenminister Joschka Fischer.
Nun hat die Bundesregierung die Kandidatur für den UN-Posten geändert – anstelle von Schmid wurde Baerbock vorgeschlagen. Warum ist das passiert? Der in den deutschen Medien kursierende Vorwurf lautet: Baerbocks Partei werde nicht mehr an der Regierung beteiligt sein, Baerbock könne also auch ihren Job verlieren (zumindest keinen prestigeträchtigen), deshalb habe man sich entschieden, dem Außenminister den Vorrang einzuräumen und einen der brillantesten Diplomaten Deutschlands zu ignorieren. Kurzum: Frau Baerbock hat Frau Schmid den Job weggenommen. Viele Beobachter fragen: Wo bleibt die Solidarität der Frauen in der Politik? Ein Kommentator der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ antwortete: „Frauen sind ebenso gut in der Lage, ihre Ellenbogen einzusetzen wie Männer.“

Die deutsche Regierung erklärte, sie habe sich mit der potenziellen nächsten Regierung, darunter dem künftigen Bundeskanzler Friedrich Merz, über die Ernennung von Frau Baerbock beraten. Dann stellt sich die Frage: Warum hat Merz seine Zustimmung gegeben? Auch hierzu gibt es eine sehr überzeugende Annahme: Um die Pläne zur Einrichtung eines 500 Milliarden Euro schweren Fonds für Deutschlands Militär und Infrastruktur im Parlament zu verabschieden, brauchten die beiden Parteien, die die nächste Regierung bilden werden, die Konservativen von CDU und CSU und die Sozialdemokraten (SPD), die Unterstützung der Grünen. Um die Idee des Fonds im Parlament durchzubringen, musste die Verfassung geändert werden. Dies geschah mit Hilfe der Grünen. Wie als Belohnung für ihre Stimme wurde den Grünen versprochen, dass die beiden künftigen Regierungsparteien sich nicht gegen die Kandidatur von Frau Baerbock stellen würden?

Christoph Heusgen, langjähriger außenpolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ehemaliger deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen und ehemaliger Direktor der Münchner Sicherheitskonferenz, sagte dem Tagesspiegel: „Es ist eine Beleidigung, Deutschlands besten und international erfahrensten Diplomaten durch ein altes Modell zu ersetzen.“

Heusgen ließ es mit seiner Kritik nicht bewenden. Er bezeichnete Baerbocks Ernennung als „Aktion Abendrot“, was auf Albanisch bedeutet: Abendmarkt. Die Ministerin sichert sich also einen Arbeitsplatz, bevor sie das Außenministerium verlässt. Heusgen fügte hinzu: „Helga Schmid war Stabschefin von Joschka Fischer, Generalsekretärin des Europäischen Auswärtigen Dienstes, die das Atomabkommen mit dem Iran aushandelte und dann Generalsekretärin der OSZE wurde, die sie vor der Auflösung bewahrte.“ Abschließend fragte Heusgen: „Ist das Außenpolitik feministisch?“ Während ihrer Amtszeit als Außenministerin hat Baerbock damit geprahlt, eine feministische Außenpolitik zu betreiben. Auch der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel kritisierte Baerbocks Entscheidung und sagte, Schmid sei eine „exzellente Diplomatin“ und „Frau Baerbock kann viel von ihr lernen“.

Nach dieser Kritik ließen die Gegenreaktionen nicht lange auf sich warten. Ein Grünen-Politiker erinnerte Herrn Heusgen an die großen Fehler, die er während seiner Zeit im Kabinett von Bundeskanzlerin Merkel gegenüber Russland gemacht hatte. Ein sozialdemokratischer Politiker rügte den ehemaligen Außenminister Gabriel und machte ihn für zahlreiche Fehler verantwortlich, auch gegenüber Russland.

ebenfalls Annalena Baerbock zur Präsidentin der UN-Generalversammlung gewählt DIE WELT Annalena Baerbock zur Präsidentin der UN-Generalversammlung gewählt

Helga Schmid zog es vor, zu schweigen. Ihr ehemaliger Chef Joschka Fischer bezeichnete sie einmal als „Tüpfelhyäne“. Fischer fasste dies als Kompliment auf und Schmid empfand es als Kompliment und antwortete in der Süddeutschen Zeitung: „Tüpfelhyänen sind geschickte Jäger. Sie gelten als wendig und vor allem als sehr ausdauernd – und sind zudem ein recht elegantes Tier.“ Das ist die Kunst der Diplomatie.

Die Wahl von Annalena Baerbock ist für Juni geplant. Die Generalversammlung ist das wichtigste Beratungsgremium der Vereinten Nationen, eine Art UN-Parlament. Es umfasst alle 193 Mitgliedstaaten. Es wählt unter anderem die nichtständigen Mitglieder des Sicherheitsrats und ernennt den UN-Generalsekretär auf Grundlage der Empfehlungen des Sicherheitsrats. 

Die Art und Weise der Ernennung von Annalena Baerbock erklärt gut, wie Politik funktioniert. Manchmal sogar mit nicht ganz so aromatischen Kompromissen.