Säulen

Die Welt laut Trump

Trumps Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) stellt die amerikanische Außenpolitik radikal auf den Kopf, indem sie traditionelle außenpolitische Prioritäten durch die der MAGA-Bewegung ersetzt. So wird die Ausweitung der Demokratie durch amerikanische Wirtschaftsinteressen, liberale Bündnisse durch konservative Werte, Menschenrechte durch „traditionelle Familien, die gesunde Kinder erziehen“, Globalisierung durch den amerikanischen Arbeitnehmer, Klimawandel durch Migration, internationale Institutionen durch Souveränität ersetzt, und China und Russland werden von Bedrohungen zu potenziellen Partnern umgedeutet.

Die Trump-Regierung veröffentlichte kürzlich ihr wichtigstes außenpolitisches Dokument: die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS). Das Urteil des westlichen liberalen Establishments ließ nicht lange auf sich warten. Die Financial Times urteilte: „Das Weiße Haus zerstört das westliche Bündnis“, die New York Times erklärte: „Feindseligkeit gegenüber Europa ist nun offizielle Politik des Weißen Hauses“, und das Wall Street Journal berichtete: „Die USA schreiben Geschichte um, indem sie Europa – und nicht Russland – zum Feind erklären.“ Der Economist bezeichnete die NSS derweil als „völlig radikales Dokument“. Die Veröffentlichung der NSS bestätigte somit nur die Polarisierungstendenz in der amerikanischen Politik. Wieder einmal stand Trump am einen Extrem, das liberale Establishment am anderen. Und obwohl Polarisierung in der amerikanischen Politik mittlerweile zur Norm geworden ist, liegt die Neuheit darin, dass dieser Konflikt nun auch die amerikanische Außenpolitik erfasst hat. So ist heute selbst ein Dokument von zentraler nationaler Bedeutung wie die Nationale Sicherheitsstrategie zum Schauplatz täglicher politischer Auseinandersetzungen geworden. 

Und das ist neu. Seit der ersten Veröffentlichung der Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) vor fast einem halben Jahrhundert galt diese als Dokument von zentralem amerikanischem Interesse und wurde entsprechend respektiert. Daher wurde sie von jeder Präsidentschaft sorgsam behandelt, stets mit dem Ziel, eine einigende amerikanische Vision zu präsentieren – E Pluribus Unum. Wie so viele andere amerikanische politische Traditionen brach Trump dieses Jahr mit dieser Tradition. Trumps veröffentlichte NSS stellt eine deutliche Abkehr von der traditionellen amerikanischen Außenpolitik dar. 
Es gibt viele Möglichkeiten, Trumps Nationale Sicherheitsstrategie zu analysieren. Die wohl pedantischste ist jedoch, seine Analyse in zwei Teile zu gliedern: den Tonfall bzw. die Grundhaltung des Dokuments und den Inhalt bzw. die Prioritäten der Nationalen Sicherheitsstrategie. Natürlich muss man mit dem Anfang beginnen, da er die Perspektive offenbart, aus der Trump die Welt sieht. 

Beim Lesen von Trumps Nationaler Sicherheitsstrategie fällt sofort auf, dass es sich nicht um eine Strategie handelt. Sie liest sich wie eine Broschüre für soziale Medien oder einen Wahlkampftext. Traditionell ist die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) als Strategie verfasst, die das prägnante, langfristige Denken des US-amerikanischen Sicherheits- und Diplomatieapparats zu zentralen Aspekten der amerikanischen Außenpolitik widerspiegelt. Trumps NSS wirkt in Sprache und Struktur wie eine Fortsetzung seines Wahlkampfes und erweckt oft den Eindruck, das Hauptziel des Dokuments sei die Umsetzung seiner Wahlkampfslogans und Tweets in offizielle US-Regierungspolitik. Die erste Hälfte des Dokuments ist geprägt von altbekannten Trump-Themen wie „America First“, Anti-Woke-Politik, Anti-NATO-, Anti-EU-, Anti-liberale-Eliten- und Anti-Einwanderungs-Haltung. Mit anderen Worten, es sieht eher nach einer nationalen Sicherheitsstrategie aus, die für soziale Netzwerke, Medien und Kampagnen konzipiert wurde, als nach einer nationalen Sicherheitsstrategie, die eine einheitliche und kohärente außenpolitische Vision formuliert, welche alle Instrumente des Staatsapparates – diplomatische, militärische und wirtschaftliche – auf die Erreichung nationaler strategischer Ziele ausrichtet. 

Zweitens hat Trump, wie bei allem anderen auch, die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) vollständig personalisiert. Beim Lesen des Dokuments entsteht der Eindruck, es handele sich um Trumps persönliches Dokument und nicht um eines der US-Regierungsbehörden. Traditionell ist die NSS ein offizielles Dokument, das die Interessen und Ziele der US-Regierung widerspiegelt. Diesmal jedoch ist die NSS vollständig auf die Person Trump zugeschnitten. Das Wort, das im Dokument am häufigsten vorkommt, ist „TRUMP“ – ganze 27 Mal. Anders ausgedrückt: Im Zentrum der Strategie steht Trumps Ruf, nicht die Interessen der USA. Dies ist in der Geschichte der NSS als Dokument der US-Regierung beispiellos. Die Strategie ist somit für und in Trumps Bild verfasst. Infolgedessen ist sie politisch parteiischer, ideologisch militarisiert und thematisch verarmt. 
Drittens stellt Trumps Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) die amerikanische Außenpolitik radikal auf den Kopf, indem sie traditionelle außenpolitische Prioritäten durch die der MAGA-Bewegung ersetzt. So wird die Ausweitung der Demokratie durch amerikanische Wirtschaftsinteressen, liberale Bündnisse durch konservative Werte, Menschenrechte durch „traditionelle Familien, die gesunde Kinder erziehen“, Globalisierung durch den amerikanischen Arbeitnehmer, Klimawandel durch Migration, internationale Institutionen durch Souveränität ersetzt, während China und Russland von Bedrohungen zu potenziellen Partnern umgedeutet werden. Dies stellt eine gravierende Abkehr nicht nur von Bidens NSS dar, sondern auch von Trumps NSS 1 selbst. Zumindest in Trumps NSS 1 war von „gefährlichen Regimen“, Diktatoren, Autokraten und der Konkurrenz mit Großmächten die Rede. Heute sind diese Konzepte verschwunden. In Trumps NSS 1 wurden Verbündete 75 Mal erwähnt; heute sind es nur noch 32 Mal, und oft in einem negativen Kontext. 

Die Frage bleibt letztlich: Wie ernst sollten wir Trumps Nationalen Sicherheitsstrategie 2 nehmen? Ist die Nationale Sicherheitsstrategie ein glaubwürdiger Ausdruck von Trumps Willen oder lediglich ein bürokratisches Dokument, das man ignorieren sollte, insbesondere angesichts Trumps Abneigung gegen traditionelle staatliche Politikgestaltung? Anders gefragt: Ist Trumps Twitter-Account oder die US-amerikanische Nationale Sicherheitsstrategie wichtiger? 

Ironischerweise liefert die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) selbst diese Antwort. Im Kapitel „Prinzipien“ heißt es: „Die Außenpolitik von Präsident Trump ist pragmatisch, ohne ‚pragmatisch‘ zu sein, realistisch, ohne ‚realistisch‘ zu sein, prinzipientreu, ohne ‚idealistisch‘ zu sein, entschlossen, ohne ‚kriegstreiberisch‘ zu sein, zurückhaltend, ohne ‚feige‘ zu sein. Daher basiert sie nicht auf einer traditionellen politischen Ideologie.“ 

Mit anderen Worten: Trumps Außenpolitik ist alles und nichts zugleich. Sie ist das, was Trump gerade behauptet. Heute mag sie dies sein, morgen das genaue Gegenteil. Daraus schließen wir, dass kein schriftliches Dokument und kein staatlicher Prozess Trumps persönlichen, chaotischen und transaktionsorientierten Impuls zügeln kann. Folglich ist der beste Rat vielleicht, die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) erstmals komplett zu ignorieren. Tatsächlich hat die Trump-Regierung dies selbst getan. Sie veröffentlichte die NSS eher als formale Pflicht denn als ernsthafte strategische Initiative.

Das Dokument wurde einfach auf der Website des Weißen Hauses veröffentlicht, ohne Pressekonferenz oder Reaktion von Trump oder anderen hochrangigen Mitarbeitern des Weißen Hauses. Abgesehen von diesen negativen Aspekten enthielt die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) jedoch durchaus wichtige Initiativen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Mehr dazu im nächsten Artikel.